Die Liebende

Hallo Mama,

ich stelle mir gerne vor, dass ich dich überall sehen kann. Ich stelle mir gerne vor, dass du mich hörst, mich verstehst und mir antwortest. Dass du hier grad neben mir auf dem Stuhl sitzt und weißt wer ich bin, was ich fühle und was ich denke. Vielleicht bist du das ja auch? Sitzt grad hier und lächelst mir zu 😊

Zurzeit höre ich das Lied von Revolverheld -Deine Nähe tut mir weh- rauf und runter. Immer wieder. Wenn es mal wieder soweit ist und ich es einmal gehört habe, zieht es mich an wie ein Magnet und ich kann einfach nicht mehr aufhören. Ein sehr guter Freund aus Münster (nenn wir ihn mal Mark), hat mir das Gedicht von Rilke geschickt:

Die Liebende

Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles
wäre noch Ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir, so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie niebeschrieben
sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,
daß einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.

Das Leben ist voller Wagnisse, unergründlichen Schicksälen und Unsicherheiten. Genau wie die Liebe. Unterwegs einen beständigen Begleiter zu haben, das ist so wichtig. Und weißt du was? Das nervt mich, Ich find das richtig scheiße. Warum muss mir das verweigert werden, was ich so dringend bräuchte? Wenn schon keinen beständigen Begleiter, warum dann nicht ein bisschen Sicherheit Mama? Warum muss alles so unsicher sein, warum lauern überall versteckte Fallen? Ich habe das Gefühl mein Leben nicht auf die Reihe zu kriegen. Wie eine versteckte Maus im Mauseloch, immer in Hab-Acht-Stellung, da mir gleich etwas passieren könnte, was mein Herz malträtiert.

Aber alles wird schon irgendwie gut, ich bin mir sicher! 🙂

Du fehlst mir,
dein kleines Mäuschen

Gezeiten der Liebe

Hallo Mama,

heute ist kein guter Tag. Seit Montag habe ich keinen Partner mehr, wir haben uns getrennt. Das ist jetzt 3 Tage her. Wir taufen ihn mal Jan. Ich glaube, so bereit dir wirklich davon zu erzählen, bin ich noch nicht. Das kommt noch. Aber während meine Gefühle heute so Achterbahn spielten, habe ich mich gefragt, warum ich in bestimmten Situationen so reagiere, wie ich reagiere. Warum ich nicht anders sein kann und warum mein Idealbild von mir selbst so sehr von meinem vorhandenen Ich abweicht. Als ich hier in meinem Bett lag, das Fenster geöffnet und die Menschen unter meinem Fenster, plaudernd beim Pizza essen, habe ich angefangen zu weinen. Ich vermisse Jan, aber eben auch diese Fragen habe ich mir gestellt.

Tief in meinem Inneren habe ich ein Problem damit, wenn Menschen die mir nah sind, Drogen konsumieren. Mit Drogen meine ich alles außer Zigaretten. Ich versuche dann (wenn es passiert und es passiert oft, da einige meiner Freunde nun mal so sind) dann versuche ich tolerant zu sein und Kompromisse zu finden. Wie reagiere ich, wenn ich merke, dass mich etwas dermaßen stört sodass ich wütend werde? Was kann ich machen, um dem anderen kein schlechtes Gefühl zu geben aber gleichzeitig auf mich zu achten? Welche Drogen gehen noch klar? Was halte ich aus und was geht gar nicht für mich? Hört sich kompliziert an, ist es auch. Dann denke ich oft, dass irgendwas nicht mit mir stimmt, alle anderen haben doch auch kein verdammtes Problem damit und können locker und cool sein wenn sich jemand ne Nase zieht oder den 5. Joint hintereinander raucht. Ich muss dann verschwinden, weil ich mich plötzlich angestellt, hinter den Drogen sehe. Die Sucht wird für mich plötzlich wichtiger als ich- Es ist für mich widerlich, wenn jemand so dicht ist dass er noch nicht mal klar sprechen kann oder sich so total hektisch bewegt, weil er drauf ist. So betrunken, dass er stinkt und sich an den Satz von eben nicht mehr erinnern kann. Bah, wenn ich diese Worte schreibe wird mir schon schlecht. Ich will mich natürlich nicht freisprechen, ich trinke manchmal  auch ganz gerne und ich kiffe auch mal.

Aufjedenfall lag ich hier und habe geweint und plötzlich ist es mir eingefallen. Das Gefühl war echt etwas unheimlich Mama. Mir ist heiß geworden und etwas übel. Kurz nachdem du gegangen bist, sind Papa und ich oft zur Linde gegangen. Unsere Kneipe! Und du weißt doch noch, dass Onkel Zwerg dort in der Nähe gewohnt hat, ganz oben? Ja, dort waren wir dann auch ziemlich oft ohne dich. Ich weiß noch, wie oft wir dort waren. Papa und ich. Ich hatte schon immer ein komisches Gefühl in diese Wohnung zu gehen. Onkel Zwerg hatte ich super gern und Papa natürlich auch. Daran konnte es also nicht liegen. Vielleicht ist es auch nicht so schlimm wie ich das jetzt empfinde. Aber Onkel Zwerg ist von seinem Heroinzeug nie weggekommen. Ihr müsstest euch, wo auch immer ihr seid, begegnen. Ab da wusste ich, was der goldene Schuss bedeutet. Naja, Papa hat auch nie aufgehört zu trinken und zu kiffen hat er wieder angefangen. Immer wenn wir Onkel Zwerg besucht haben oder Onkel Zwerg bei uns war, oder wo auch immer jemand Drogen nehmen wollte, wurde ich weggeschickt. Meistens musste ich ins Badezimmer. Mama, ich musste ins Badezimmer. Ich saß da und hab gewartet. Ich war doch nicht dumm. Ich wusste doch, was da passiert!!! Ich wusste genau, was passiert. Schließlich hatte und habe ich immer noch eine funktionierende Nase. Kinder sind nicht dumm. Wenn jemand auf einmal komisch ist, obwohl vor 10 Minuten noch alles ok ist, merkt das auch ein Kind. Sicherlich habe ich es damals nicht so schlimm gefunden wie jetzt. Ich fand es blöd und es war langweilig und nen merkwürdiges Gefühl hatte ich. Aber jetzt begreife ich erst, was das mit mir gemacht hat. Und um diese Wunden ist so viel vernarbtes Gewebe dass ich vor Schmerz lieber wütend werde und mich selbst schütze, als alles hinzunehmen wie es ist. Jetzt bin ich erwachsen und kann für mich einstehen.

Ich meine, es hat ja auch etwas Positives: Beide hatten mich so lieb, dass sie mich wegschickten, damit ich nicht alles anschauen und einatmen musste. Und sicher ist das alles kein Weltuntergang. Es begründet nur meine Wut, meine Angst und meine Abneigung. Jetzt versuche ich damit umzugehen und zu akzeptieren, dass ich eben ein Problem damit habe wenn meine Liebsten konsumieren. Wieder Kompromisse zu finden und vielleicht in Zukunft darauf zu achten, Menschen um mich zu haben die nüchtern sind und bleiben wollen.

“Auch er hat mir eine Wahl gelassen […] oder was sie für eine Wahl halten. Übernimm ihre Vorstellungen. Akzeptiere, was sie wollen, oder Du musst ohne sie klarkommen. Also komme ich lieber ohne sie klar.”

-Gezeiten der Liebe/ Nora Roberts

Das sind harte Worte, aber so fühle ich mich. Kein Zitat, was ich immer voll unterstütze, aber oft eins, was meine Gefühlslage beschreibt oder was andere von mir erwarten: Mach was ich möchte, pass dich mir an oder lass es halt bleiben. Nur dann… hast du wohl einfach Pech gehabt.

Du fehlst mir,
dein kleines Mäuschen

Wenn der Winter erwacht

Hallo Mama,

diesesmal ist der Titel von einem Buch, was ich ganz zufällig gefunden habe. Der Name der Autorin ist C.L. Wilson. Ich weiß noch, dass es draußen geregnet hat als mich in meinem Lieblingsbuchladen warme, herzliche Luft erwartet hat.

Mama, du hattest vor einer Woche Geburtstag an einem schönen, sonnigen Tag. Als es dann Zwölf Uhr war, habe ich an dich gedacht. Was hätten wir wohl an so einem besonderen Tag gemacht? Wahrscheinlich hätte ich dir eine fantastische Torte gebacken, die aber leider nur fantastisch ausgesehen hätte. Vertrau mir, denn das Sprichwort: „Außen hui, innen pfui“ passt ziemlich gut zu meinen Backkünsten. Für dich hätte ich dennoch, mit unsagbarer Mühe und Fleiß, eine Torte mit Bananen und Schokofüllung gezaubert. Und wenn ich mich dann mit Mehl und Milch genug bekleckert hätte, dann wärst du von mir höchstpersönlich aus deinem Schönheitsschlaf entrissen wurden. Und ich sag’s dir: Papa wäre da gewesen und es wäre ihm angeordnet wurden, den Tag für dich frei zu nehmen (wahrscheinlich hätte er das ja eh gemacht). Ich meine, hallo? Man wird nur einmal 55 Jahre alt. Alte Socke :p

Mit dem obligatorischen Geburtstagsständchen und deinem Kissenwurf nach unseren Gesichtern, hätte der Kaffee nicht gefehlt und dazu hätte es schon direkt ein sündiges Geburtstagskuchenstück gegeben. Während ich das hier grad schreibe, denke ich an dein Lachen, Mama. Mama, Mama, Mama… ich kann es nicht oft genug sagen, nachdem es solange nicht aus meinem Mund gekommen ist. Es ist doch verrückt, dass sich ein 24-Jähriges Mädchen an ein Lachen erinnern kann, was sie zuletzt vor 17 Jahren gehört hat. Du hättest Papas Shirt angehabt, die Knie angewinkelt auf den Stuhl sitzend, mit der Tasse in der einen und der Gabel in der anderen Hand. Und dann hättest du den Kopf zurückgeworfen, deine Zähne gezeigt und angefangen lauthals zu lachen. Papa hätte dich angesehen und er wäre glücklich gewesen. Und ich mit euch. Liebe Mama, diese Lache habe ich tatsächlich geerbt und sie ist verdammt laut.

Nun denn, zurück zum Thema. Wenn wir drei es dann mal endlich geschafft haben uns anzuziehen, wäre der Tag weitergangen. Wir hätten uns den Hund geschnappt und wären losgefahren. So wie ich dich kenne, wären wir doch direkt in die Felder gefahren. Mit einem riesen Spaziergang hätte hier ohnehin schon jeder gerechnet, also hätten wir dann provisorisch gepicknickt. Wir hätten so tolle Gespräche geführt und rumgealbert, da bin ich mir absolut sicher. Wenn du dann Lust gehabt hättest, wäre wir nach Hause aufgebrochen. Hannelore, deine Schwester wäre ganz bestimmt vorbeigekommen und alle anderen hätten an dich gedacht. Entweder mit Telefonaten, Briefen, Päckchen oder irgendwelchen anderen tollen Möglichkeiten. Irgendwann hätte ich gedrängelt, dass wir losmüssen, die Sonne geht gleich unter! Und Schwupps, wären wir losgefahren, ich am Steuer und rüber in die Stadt. Die Pizza hätte so lecker geschmeckt. Während so einer schönen Tageszeit, wenn der Himmel lila wird hätten wir dagesessen und dich gefeiert. Das ist eine schöne Vorstellung.

Irgendwann musste ich dann an meinen ersten Geburtstag ohne dich denken. Wie schön der Tag doch war, obwohl du nicht da warst. Papa hat versucht mir einen Pferdeschwanz zu machen und geflucht, weil er es einfach nicht so gut hinbekommen hat (sah auch nicht gerade professionell aus das Ganze). Dann, als alles vorbereitet war, bin ich vorne an die Straße gelaufen und habe auf die Gäste gewartet. Hab gewartet, dass alle kommen. Als es dann soweit war, durfte ich deinen Bruder und seine Frau kennen lernen. Hola, die sind aber braun gebrannt. Wenn man allerdings in Gran Canaria wohnt, ist das auch kein Wunder. Die beiden waren so lieb zu mir. Wir haben gefeiert und es hat mir an nichts gefehlt, außer du. Papa hat sich so viel Mühe gegeben, das war einfach schön. Irgendwann, als ich diese Geschichte an deinem Geburtstag vor einer Woche meinem Liebsten erzählte, habe ich geweint. Weil ich dich immer noch so vermisse.

Liebe Mama, ich hoffe, du hattest, wo auch immer du gerade bist, einen wunderbaren Geburtstag. Deine Träume und Wünsche sollen in Erfüllung gehen. Ich habe dich so unendlich lieb.

„Wynter wandte das Gesicht in den Wind, schloss die Augen und sog die schneidende kalte Luft tief in seine Lungen. So kalt sie auch war, war sie immer noch wärmer als die eisige Masse, die tief in ihm wohnte.“

-Wenn der Winter erwacht/ C.L. Wilson
Du fehlst mir,
dein kleines Mäuschen

Wir fliegen, wenn wir fallen

Hallo Mama,

dieser wunderbare Buchtitel ist von Ava Reed. Ein Buch, dass mich in jeder Zeile an dich erinnert hat. Es geht um Verlust, um Liebe und um Vertrauen. Es geht darum, wieder aufzuwachen, um festzustellen, dass da draußen die Welt wartet und egal was oder wer du bist, die Chance hast, irgendwann glücklich zu sein. All die Dinge, die ich so gerne mit dir besprochen hätte. Aber jetzt tu ich das. Genau hier. Es geht darum glücklich zu sein.  Oder es zumindest zu versuchen. Vielleicht geht es darum, sich selber zu akzeptieren. Vielleicht geht es auch um etwas ganz anderes.

Ich werde dir Zitate zeigen, die mich berühren, Bilder bei denen ich vor Schönheit geweint habe, Situationen in denen ich vor Lachen kaum atmen konnte.

Natürlich mache ich das auch aus einem selbstsüchtigen Zweck. Es geht mir nicht gut. Ich glaube, es fing an, als du nicht mehr warst. Oder war es schon früher? Ich weiß es nicht mehr. Nur immer, wenn ich daran denke, wo dieses hässliche, faulende Stück Kralle in meiner Seele herkommt, denke ich an die Zeit, als es dir nicht gut ging. Wie du bei Omi in diesem  Bett lagst. Das konnte hoch und runter fahren, die Lehne vor und zurück. Und du wolltest nicht mehr. Ich erinnere mich daran, wie du es gesagt hast. Das es kein menschenwürdiges Leben mehr ist. Dass du gehen möchtest. Dass wir auch ohne dich klar kommen. Wir schaffen das. Und ich meine… du hast schon so lange durchgehalten. Hast die Konfirmation von Dennis mit deinem Charme und deiner Überzeugung in unseren Garten verlegt. Herr Waubke der tollste Pastor der Welt, hat nicht mal gezögert. Du hast die Hochzeit von deiner Freundin und meiner wunderbaren Tante durchgehalten (hmm.. sie sind Gott sein Dank wieder getrennt!!). Du hast es dir vorgenommen und geschafft. Aber dann konntest du nicht mehr und das ist okay. Ich denke nur immer daran. Vielleicht liegt da der Ursprung. Oh Gott, ich hab dir soviel zu erzählen, ich bin so froh, endlich einen Weg gefunden zu haben.

Weißt du, manchmal werde ich auch einfach nur rumheulen oder mal nur Blödsinn schreiben. Aber wäre das so anders wenn wir telefonieren würden? Ich glaube nicht.

„Ich möchte meine Erinnerungen verbrennen. Ich möchte sie nehmen, zusammenknüllen oder zerreißen, es ist mir egal, und sie mit allem, was mir geblieben ist, in Asche verwandeln. Mit all dem Schmerz, der Trauer und Wut, der Angst und dem großen Loch in mir drin.“

-Wir fliegen, wenn wir fallen/ Ava Reed
Du fehlst mir,
dein kleines Mäuschen